Rosalía de Castro
Gut, ich weiß, dass es
nichts Neues gibt
Unter den Spären des Himmels,
Was nicht schon zuvor von anderen gedacht wurde,
Dinge, die auch ich heute überlege.
Und gut, warum sie
beschreiben?
Na gut, darum folglich sind wir
Uhren, die wiederholen
Ständig das Gleiche ewiglich.
"Umherschweifendes II." aus den "Neuen Blättern" von Rosalía de Castro, Santiago d.C. 1880
Wir wandten uns hinüber in die Klosterkirche. Dort sind in einer Seitenkapelle die Berühmtheiten des Landes zur ewigen Ruhe gebettet. Hier ruht in einem gewaltigen Marmorsarg die ganze Poesie des Landes unter dem Namen Rosalía de Castro. Sie wurde dem Boden des von ihr geliebten Bauernfriedhofes entrissen und heimatlos gemacht, trockene Gebeine in einem sterilen Museum. Hier schläft die "Stimme Galicias". Ist sie trocken und brüchig geworden in dieser Gruft? Nein, als Stimme ihres Volkes hatte sie sich nicht verstehen wollen, die kleine Frau aus Padrón, die sich selbst als scheu und störrisch bezeichnete. Als sie, noch nicht einmal zwanzigjährig, nach Madrid ging, floh sie aus der jener Provinz, welche sie nun so grandios ehrt.
Geboren 1837 in Santiago de Compostela als Tochter eines Priesters, von der Mutter zunächst abgelehnt, war sie Fremde in dem eigenen (katholischen) Land, dieser Provinz am Ende der Welt. Sie wuchs zunächst bei Verwandten ihres Vaters im Dorf Castro de Ortoño in der Nähe von Santiago auf. Erst in den 40ziger Jahren des 19. Jahrhundertes hatte sich ihre Mutter, eine galicische Landadlige, schließlich doch zu dem Kind bekannt und ermöglichte ihm eine Schulausbildung in Compostela. Rosalia, angeblasen von dem liberalen Geist, der in diesen Jahren durch Spanien wehte und in Andalusien den Anarchismus gebar, begann zu schauspielern und zu schreiben. In Madrid veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband ("La Flor", 1857) und heiratete Manuel Murguía (in Madrid, Oktober 1858), einen begeisterten Kritiker ihrer Gedichte, ebenfalls aus Galicia. Durch die Arbeiten und Tätigkeiten ihres Mannes erlebte sie Reisen und Wohnsitze in fast allen Gebieten Spaniens.
Aus Heimweh entstand in Simancas nahe Valladolid, in dieser Mesetawüste, ihr bekanntestes Werk: Cantares Gallegos (erschienen 1863). Ein tollkühnes Unterfangen gelang ihr da, denn der Gedichtzyklus war in einer Sprache geschrieben, die seit dem 15. Jahrhundert literarisch nicht mehr zu Papier gebracht worden war: Gallego, die Sprache Galicias und gleichzeitig auch die Stammsprache des Portugiesischen, war für die Mehrzahl der Bewohner am Ende der Welt Volkssprache geblieben, aber Amts- und Bildungssprache war das Castellano, das Hochspanisch. Das Erscheinen der Cantares bewirkte die Auferstehung des Gallego. Und kaum sechsundzwanzigjährig fühlte sich Rosalía de Castro in die Rolle einer Retterin der Muttersprache gedrängt. Zwar hatte Alfonso der Weise, König im Hochmittelalter, das Gallego als die Sprache der Poesie bezeichnet. Aber was war davon geblieben in all den fremdbestimmten Jahren? Die Herren in León, Toledo und Madrid, zunächst Reconquistadoren, dann Conquistadoren, die aus der Ferne die Provinz mitregierten, redeten und administrierten in Castellano, der Sprache der Burgen, keine unpoetische Sprache, aber keine Poesie. Die Poesie wurde in den Cantares Gallegos der zarten Rosalia wiedergeboren. Und aus der Kunstform wurde Volksgut: Ethnologen späterer Generationen fanden auf den Inseln der zerklüfteten Küste alte Lieder, deren Urheber gar nicht so unbekannt war: Rosalía de Castro. Was bereits als anonymes Volksgut galt, entstammte den Cantares Gallegos.
Die heutige Meinung der Gallegos über ihre Nationaldichterin schwankt zwischen zwei Polen, der enthusiastischen Verehrung und der verächtlichen Distanziertheit, was in den an sie vergebenen beiden Übernamen zum Ausdruck kommt: Die einen nennen sie begeistert Nai (Mutter) do Matria (des Mutterlandes), die anderen dagegen a chorona (was lt. Fritz Vogelgsang, Suhrkamp Verlag, mit "Heulsuse" zu übersetzen wäre). Rosalia de Castro als überragende Heimatdichterin zu bezeichnen, wie jede Stadt oder Region ihren literarischen Helden hat, der ansonsten für die Weltliteratur und Nationalliteratur bedeutungslos ist, wäre stark herabsetzend. Rosalia schrieb insgesamt fünf Gedichtbände und fünf erzählerische Werke, das meiste auf Castellano, der Hochsprache, in der sie auch persönliche Aufzeichnungen und Korrespondenz verfertigte. In ihrer kastilischen Lyrik wurde sie zu einer Wegbereiterin der modernen spanischen Lyrik, was neben der Wiedergeburt einer iberischen Regionalsprache in ihren Kranz zu flechten wäre. Im persönlichen Bereich stellte sie die typische Intellektuelle Frau des neunzehnten Jahrhunderts dar, die durch frühe Mutterpflichten an Haus und Herd gefesselt wurde. Allerdings förderte ihr Mann ihre schriftstellerischen Neigungen, er brachte sie weit über ihren Tod hinaus an die Öffentlichkeit. Wir wissen nicht viel von der Familie de Castro / Murguia, alle Briefe von Rosalia wurden bis auf wenige Ausnahmen von ihrem Mann vernichtet. Sie gebar sieben Kinder, von denen zwei früh starben, bis sie selbst erst achtundvierzigjährig nach langem Leiden an Gebärmutterkrebs verstarb. Genügsam und schlicht kam sie in der Fremde und zu Hause in Padrón ihren Mutterpflichten nach, aber in ihren Gedichten kommt der Wunsch zum Tragen, diesem Frauenkorsett zu entfliehen, als keltische Vagabundin herumzuziehen, gleich dem Wanderer, der "verharrend am Fuße der Anhöhe" verwandelt wird "zum Quell oder Vogel, zum Baum oder Felsblock". (Übersetzung des Zitats: Vogelgsang)

© 2005, Übersetzungen (wenn nicht anders angegeben)
und
Essay von Torsten Kreutzfeldt.
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